Stationärer Entzug

Indikation

Patienten sollten für einen stationären Entzug motiviert werden, wenn folgende Voraussetzungen erfüllt sind (ansonsten kann auch eine ambulante Entzugsbehandlung vorgeschlagen werden):

  • Komplikationen bei Entzugsbehandlungen in der Vorgeschichte (epileptische Anfälle, Delir);
  • Ausgeprägte Organschäden, schwere Intoxikation;
  • Eskalierende Entzugssymptomatik, insbesondere bei beginnendem Delir;
  • Mehrfachabhängigkeiten
  • Zusätzliche belastende und ausgeprägte psychische Störungen (Komorbiditäten)
  • Ausgeprägte Belastungen und Konflikte in der unmittelbaren sozialen Umgebung bzw. am Wohnort; fehlende soziale Unterstützung
  • Bei fehlenden erreichbaren ambulanten Therapiemöglichkeiten in der Region;
  • Wenn der Patient eine stationäre Alkoholentzugsbehandlung wünscht;
  • Während der Schwangerschaft erfolgt ein Entzug in einer spezialisierten Institution, stationär. Der pharmakologische Entzug sollte vorzugsweise vor dem dritten Trimester erfolgen.

Wo?

  • Wird ein stationärer Entzug geplant, lohnt sich ein frühzeitiger Kontakt zur Suchtfachstelle oder zu einem Suchtambulatorium, die bei der Suche nach geeigneten Institutionen und den Anmeldeformalitäten helfen können. Suchtfachstellen übernehmen das Case-Management, sodass mit deren Hilfe eine allfällige Nachbetreuung nach dem stationären Aufenthalt optimal geplant werden kann.
  • Die meisten internistischen Spitalabteilungen führen rein somatische Entzugsbehandlungen durch. Durch die Möglichkeit einer intensivmedizinischen Betreuung können auch komplizierte Entzugsbehandlungen durchgeführt werden.
  • Sogenannt qualifizierte Entzugsbehandlungen werden von Spezialstationen der psychiatrischen Kliniken sowie von Suchtfachkliniken angeboten und unterscheiden sich durch eine suchtmedizinische Behandlung mit motivationaler Intervention, intensivere Betreuung, Tagestruktur, ergänzender Psychodiagnostik mit Definition eines Behandlungsziels und Informationen über anschliessende Therapieangebote. Gemäss des jeweiligen Konzepts sind dort Behandlungen zwischen 7 Tagen bis 6 Wochen möglich, die über eine akute somatische Entzugsbehandlung hinaus gehen. Die Erfolgsquoten nach einer qualifizierten Entzugsbehandlung sind gegenüber rein körperlichen Entgiftungen in somatischen Spitälern deutlich besser.
  • Häufig ist es einfacher einen Patienten erstmalig zu einem stationären Entzug in einem somatischen Spital zu motivieren.

Was ist eine qualifizierte Entzugsbehandlung?

  • Es handelt sich dabei um suchtspezifische therapeutische Interventionen während und direkt nach der körperlichen Entzugsbehandlung (u. a. Motivierung, psychoedukative Angebote).
  • Im Gegensatz zur reinen Entzugsbehandlung, die auch im somatischen Spital angeboten wird, findet die qualifizierte Entzugsbehandlung in den Entzugs- und Therapiestationen der psychiatrischen Kliniken sowie in spezialisierten Kliniken statt.
  • Sie umfasst die Behandlung
    • des akuten Alkoholentzugssyndrom
    • der (häufig mehrere Wochen andauernden) Wiederherstellung neuropsychologischer und kognitiver Fähigkeiten und
    • der emotionalen Stabilität, sowie
    • den komorbiden und körperlichen Erkrankungen; zudem muss sie der häufig auftretenden psychosozialen Krisensituationen Rechnung tragen.
    • Spezialstationen für qualifizierte Entzugsbehandlungen zeichnen sich durch eine gute Vernetzung mit Ambulatorien, Tageskliniken, Beratungsstellen, Rehabilitationseinrichtungen und weiteren stationären Versorgungseinrichtungen aus. Dies ist entscheidend für eine individuelle und angemessene Planung der weiteren Therapie.

Wie geht’s weiter nach Abschluss des körperlichen Entzugs?

  • siehe auch Entwöhnung/Langzeitbehandlung
  • Viele Patienten sind stolz, diesen wichtigen Schritt geschafft zu haben; sie sollten darin bestärkt werden.
  • Darüber hinaus ist es wichtig, bereits vor dem Entzugsbeginn darauf hinzuweisen, dass weitere Behandlungsschritte notwendig sind, um den ersten Erfolg auch zu sichern.
  • Die Inanspruchnahme einer weiterführenden Behandlung durch eine Suchtfachstelle sowie die Unterstützung durch eine Selbsthilfegruppe sind sinnvoll (siehe Selbsthilfe), da die Vermittlung von Techniken zum Umgang mit der Abhängigkeitserkrankung (mit Craving, Alternativen der Stressreduktion oder Rückfallsituationen etc.), häufig die Möglichkeiten des Praxisalltags sprengt.
  • Für den Erhalt einer langfristigen Abstinenz ist eine medikamentöse Unterstützung zu diskutieren. Als anerkannte Mittel stehen für die Zeit nach dem Entzug Acamprosat (Campral®), Naltrexon (Naltrexin®) oder Disulfiram (Antabus®) zur Verfügung.
  • Wird die Weiterbetreuung durch eine Suchtfachstelle direkt im Anschluss an die körperliche oder qualifizierte Entzugsbehandlung gewählt und sollte der ambulante Weg nicht den gewünschten Erfolg bringen, ist eine weiterführende Behandlung der Abhängigkeit (Entwöhnungstherapie, stationäre Langzeittherapie) in einer stationären Fachklinik oder über eine teilstationäre Therapie in einer Tagesklinik sinnvoll.